Roques-Report

Bundessprachenamt - Referat SM II 2
Auftragsnummer D9292

Übersetzung aus dem Französischen


Probleme durch das Gefahrenpotential von Drogen


Bericht von Professor Bernard ROQUES für den Staatssekretär für Gesundheit

Mai 1998

ALLGEMEINE SCHLUSSFOLGERUNGEN

Vergleichende Studie zum "Gefahrenpotential" von "Drogen"

Bei den sozialen Risiken wurden die Verhaltensmerkmale berücksichtigt, die bei dem Konsumenten der betreffenden Substanz sehr aggressive und unkontrollierte Handlungen (Cocain, Alkohol, Psychostimulantien) zwecks Beschaffung der Droge und Risiken für sich selbst und andere beispielsweise im Straßenverkehr auslösen können. Aus diesem Grund werden Heroin, Cocain und Alkohol der Gruppe mit sehr hohen Risiken zugeordnet.

Im Hinblick auf die allgemeine Toxizität muß man die Anzahl der Konsumenten berücksichtigen. Tabak und Alkohl werden von einem sehr großen Teil der Bevölkerung konsumiert, und bei den als "illegal" bezeichneten Drogen wird Cannabis bei weitem am häufigsten verwendet. Vor diesem Hintergrund kann man Heroin aufgrund der Risiken, die mit der Verabreichung dieser Droge verbunden sind (z.B. Spritzen, Mehrfachinfektionen, Überdosen), als die Substanz mit dem höchsten Risiko von Todesfällen bei dem gegenwärtigen Konsumverhalten "auf der Straße" bezeichnen. Heroin liegt noch vor Alkohol und Tabak, bei denen das Risiko z.B. von Krebs, kardiovaskulären Erkrankungen und Hepatitis sehr hoch ist.

Letztlich ist der Konsum keiner dieser Substanzen völlig risikofrei. Alle lösen hedonische Gefühle aus - Tabak in deutlich geringerem Ausmaß -, alle aktivieren das dopaminerge System, und alle können mehr oder weniger starke Auswirkungen psychischer Abhängigkeit auslösen. Trotzdem kann man für einen Vergleich ihres "Gefahrenpotentials" drei Gruppen unterscheiden.

Zu der ersten Gruppe gehören Heroin (und die Opioide), Cocain und Alkohol, zu der zweiten zählen Psychostimulantien, Halluzinogene und Tabak, Benzodiazepine und schließlich Cannabis. Vor dem Hintergrund neuerer Forschungsergebnisse - beispielsweise im Hinblick auf MDMA (Ecstasy) - ist diese Zuordnung natürlich veränderbar. Zudem müßten - wie bereits erwähnt - einige Benzodiazepine, die zur Auslösung einer fremd- oder selbstinduzierten Abhängigkeit verwendet werden, der ersten Gruppe zugeordnet werden. Die aktuellen Erkenntnisse könnten bei einem Vergleich der französischen Gesetzgebung mit der in anderen europäischen Ländern geltenden Rechtslage berücksichtigt werden (siehe die entsprechende Tabelle, die im übrigen aufgrund von aktuellen Entscheidungen überarbeitet werden müßte: Belgien im Hinblick auf Cannabis), und auf dieser Grundlage kann die Schweiz der Gruppe von Ländern hinzugefügt werden, zu denen das Vereinigte Königreich, Deutschland, die Niederlande und andere gehören.

ALLGEMEINE EMPFEHLUNGEN

Entwicklung von Abhängigkeit. Überwachung der Toxizität.

Die Einrichtung eines Schnellinformationssystems in Zusammenhang mit der Entwicklung von Substanzen mit Mißbrauchspotential und der Einführung neuer, vor allem synthetischer Drogen, sollte gefördert werden, damit die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit zu einem möglichst frühen Zeitpunkt eingeleitet werden können.

Toxikologische Untersuchungen von "illegalen" Drogen, die von den verschiedenen Partnern im Kampf gegen die Drogenabhängigkeit (z.B. Polizei, Zoll, toxikologische Zentren) sichergestellt wurden, sollten intensiviert und die entsprechenden Informationen an zentraler Stelle gesammelt werden, damit die Herkunft der Substanzen und die verschiedenen Arten von kriminellen Handlungen in wirksamer Weise geographisch zurückverfolgt werden können. Die gesammelten Informationen sollten an die verantwortlichen Stellen (z.B. Krankenhäuser, Zentren der Arzneimittelüberwachung, Ärzte, Apotheker) weitergeleitet werden.

Klinische Untersuchungen von Drogen

Die pharmakodynamischen und pharmakokinetischen Eigenschaften von illegalen Drogen sind - unabhängig davon, ob sie von Drogenabhängigen konsumiert werden oder nicht - unvollständig oder fehlen völlig. Klinische Untersuchungen zu diesen Substanzen sind aufgrund strafrechtlicher, anderer gesetzlicher und ethischer Bestimmungen in Frankreich nicht realisierbar, in anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten oder den Niederlanden sind solche Untersuchungen hingegen zulässig. Aufgrund der unzureichenden Kenntnisse über die klinischen Auswirkungen dieser Art von Substanzen auf den Menschen sollte wie bei Arzneimitteln eine Untersuchung beim Menschen im gesetzlich zugelassenen Rahmen und nach Auswertung vorklinischer Daten zur Toxikologie beim Tier erwogen werden. Je nach Substanz könnten diese Untersuchungen mit gesunden Freiwilligen oder Drogenkonsumenten durchgeführt werden. Dieses Vorgehen würde zudem eine Zusammenarbeit auf nationaler Ebene, d.h. die Einrichtung von zugelassenen "Fachzentren" (im Sinne eines Zentrums für klinische Forschung), und Unterstützung von Seiten des Gesetzgebers erfordern. Die Durchführung solcher Studien und die Berücksichtigung vorklinischer Daten dürfte zu einer Verbesserung der Kenntnisse über die unerwünschten Wirkungen dieser Substanzen, ihre möglichen Interaktionen mit Arzneimitteln oder anderen Produkten und über ihr Abhängigkeitspotential führen.

Es wäre wünschenswert, wenn die Fürsorge zur personellen und materiellen Unterstützung dieser Untersuchungen wie im Falle von AIDS beitragen könnte.

Schul- und Hochschulbereich

Es ist dringend erforderlich, spezielle Unterrichtsprogramme zur Drogenabhängigkeit (unter Berücksichtigung medizinischer, soziokultureller und rechtlicher Aspekte) für die Beschäftigten im Bereich des Gesundheitswesens (z.B. Ärzte, Apotheker, Pflegepersonal) zu entwickeln. Diese Unterrichtsprogramme sollten unter Federführung des Schul- und Hochwesens in einer begrenzten Zahl (< 10) von Universitätsstädten eingerichtet werden.

Zudem sollte ein spezieller Baustein "Drogenabhängigkeit" in verschiedene Aufbaustudiengänge in den Bereichen Pharmakologie, Neurowissenschaften und öffentliches Gesundheitswesen integriert werden.

Eine bessere Einbindung der Problematik der Drogenabhängigkeit in den Unterricht im schulischen Sekundarbereich und im Hochschulbereich (Medizin, Pharmazie) wäre sinnvoll.

Ziel dieses Unterrichts wäre eine Verbesserung der Kenntnisse über die verschiedenen Formen der Drogenabhängigkeit, die damit verbundenen Risiken und mögliche Behandlungsformen.

Substitutinsbehandlungen

Mit Hilfe dieser Empfehlungen soll eine grundlegende Änderung der äußerst negativen Einstellung der Öffentlichkeit (und zahlreicher Beschäftigter im Gesundheitswesen) zur Drogenabhängigkeit bewirkt werden. Das Beispiel AIDS hat gezeigt, daß Frankreich durchaus imstande ist, sich einem solchen Problem im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens in wirksamer und humaner Weise anzunehmen.

Verbesserung der Auswertung statistischer Angaben zur Drogenabhängigkeit

Aufgrund der enormen Komplexität der Datenerfassungs- und -verwaltungssysteme ist es derzeit in Frankreich nicht möglich, "die Intensität und den zeitlichen Ablauf der Drogenkarriere wie den Einstieg in den Betäubungsmittelkonsum, den Beginn der Abhängigkeit, den "Ausstieg" oder auch den durch den Konsum der Betäubungsmittel ausgelösten Tod genau einzuschätzen" [Auszug aus der Dissertation von Aline Desquelles "Consommation de stupéfiants en France: Expertise d'un système d'information et mesure du phénomène" (Konsum von Betäubungsmitteln in Frankreich: Prüfung eines entsprechenden Informations- und Bewertungssystems, Universität von Bordeaux IV (29/01/97)]. In ähnlicher Weise äußern sich die Verantwortlichen das Fachbereichs für Epidemiologie von INSERM, insbesondere in Zusammenhang mit dem Risiko von Todesfällen und Todesursachen. Die Informationen stammen gegenwärtig aus verschiedenen Quellen (z.B. Polizei, Einrichtung des Gesundheits- und Sozialsystems, Zentrum für Arzneimittelüberwachung). Nach Ansicht von A. Desquelles geht es nicht darum, das Informationserfassungssystem von Grund auf zu verändern, sondern eine vollständige Berücksichtigung all derjenigen, die Betäubungsmittel mißbrauchen oder von ihnen abhängig sind, sicherzustellen. Dazu wäre jedoch ein Datenerfassungsverfahren erforderlich, wie es in Großbritannien bereits seit langem (unter Wahrung der Anonymität des Patienten) angewandt wird und bei dem der Arzt einen Fragebogen zu allen Behandlungsterminen mit Drogenabhängigen (bei harten Drogen mit Abhängigkeitspotential) ausfüllt und zur Verfügung stellt.

Nach Ansicht von A. Desquelles bedarf es nach wie vor einer Vereinheitlichung des statistischen Systems durch die Festlegung einheitlicher Kriterien in allen Fragebogen (z.B. Alter beim ersten Konsum von Drogen, Umstände, Begleiterkrankungen). Natürlich müssen die Daten aus Gründen der Effizienz zunächst auf nationaler, dann auf europäischer Ebene gesammelt und verwaltet werden. Auf diese Weise könnten auf der Grundlage vergleichbarer Beobachtungen die Auswirkungen der verschiedenen Formen der Rechtsprechung und Politik im Bereich des Gesundheitswesen in Europa, die aufgrund unterschiedlicher soziokultureller und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen nach wie vor voneinander abweichen, auf die Entwicklung des Konsums von Betäubungsmitteln geprüft werden.

EINRICHTUNG EINER EUROPÄISCHEN UND FRANZÖSISCHEN UNTERSUCHUNGS- UND FORSCHUNGSSTELLE ZUM DROGENKONSUM
(European Research Agency on Drug Absue, ERADA)

In allen Industrieländern ist eine Zunahme des Konsums von "Drogen" zu verzeichnen. Aus den im Anfangsteil des vorliegenden Berichts erwähnten Gründen ist es leider sehr unwahrscheinlich, daß sich dies schlagartig ändert. Das Problem der Drogenabhängigkeit muß daher auf nationaler und europäischer Ebene angegangen werden.

In Europa gibt es keine gemeinsame wissenschaftlich begründete Politik im Kampf gegen toxikophile Verhaltensweisen. Es existieren Überwachungs- und Bewertungseinrichtungen im Hinblick auf die Prävalenz und Inzidenz der Rauschgiftabhängigkeit, die zwar insgesamt zufriedenstellend arbeiten, jedoch nicht für die Planung grundlegender, klinischer, epidemiologischer, soziologischer und anderer Untersuchungen zu dieser Problematik geschaffen wurden.

Die Entstehung einer politischen, wirtschaftlichen und monetären europäischen Plattform legt die Schaffung einer zentralen europäischen Organisation zur Rauschgiftabhängigkeit nahe.

Nach Meinung der europäischen Bevölkerung sollte sich Europa an den Vereinigten Staaten orientieren, wo es das National Institute of Drug Abuse (NIDA) gibt, das aus dem National Institute of Health (NIH) entstanden ist und erheblich zu einer wissenschaftlichen Beurteilung der durch toxikophile Verhaltensweisen verursachten Probleme, ihrer Entwicklung und der Schaffung einer präventiven und behandlungsorientierten Politik beigetragen hat. Diese Einrichtung findet zudem in wissenschaftlichen und politischen Kreisen und in den Medien aufgrund der strengen Kontrolle der Ergebnisse von Grundlagen- und klinischen Untersuchungen aus dem Bereich der "Drogen" Gehör. Durch sein Ansehen in der Öffentlichkeit hat das NIDA erheblich zur Veränderung der Einstellung sowohl der Öffentlichkeit als auch der Ärzteschaft zur Rauschgiftabhängigkeit beigetragen. Europa und insbesondere Frankreich weisen in diesem Bereich einen großen Rückstand auf; hier wird zwar AIDS nicht länger als eine "beschämende" Krankheit angesehen, die Rauschgiftabhängigkeit wird jedoch nach wie vor in dieser Weise klassifiziert.

Schließlich hat das NIDA mit großem Erfolg eine Vielzahl von Untersuchungen über die Probleme in Zusammenhang mit dem Gebrauch von Drogen lanciert; diese Arbeiten stießen auf sehr positive Resonanz in verschiedenen Schlüsselbereichen wie den kognitiven Wissenschaften, dem Bereich der Nutzung bildgebender Verfahren zu neurologischen Zwecken oder dem massiven Einsatz genetisch veränderter Tiere, um nur einige Beispiele zu nennen. Ebenso verhält es sich auf dem Gebiet der Entwicklung neuer auf das zentrale Nervensystem einwirkender Arzneimittel.

Europäische Forschungen im Bereich der Rauschgiftabhängigkeit werden nur wenig unterstützt. Die künftigen Programme auf europäischer Ebene - wie etwa BIOMED - deuten darauf hin, daß der Bereich "Rauschgiftabhängigkeit" in ein Programm eingebunden werden soll, eine Bestätigung gibt es bisher jedoch nicht; in jedem Fall werden jedoch punktuelle Hilfsmaßnahmen durch einen Ausschuß geschaffen, dem allerdings nur äußerst wenige Spezialisten für Rauschgiftabhängigkeit angehören.

Aufgrund der Qualität seiner Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Neurowissenschaften und seiner regelmäßigen und wichtigen Beiträge im Hinblick auf grundlegende Erkenntnisse zu toxikophilen und insbesondere opioiden Substanzen und zu den Wirkungsmechanismen von Drogen auf biochemischer und verhaltensbezogener Ebene könnte Frankreich eine Vorreiterrolle bei der Schaffung einer europäischen Einrichtung übernehmen.

Die Situation in Frankreich

Zur Zeit gibt es in Frankreich eine Vielzahl von Beauftragten, Ämtern, Ausschüssen, Kommissionen usw., die sich mit der Problematik des Drogenkonsums beschäftigen. Da Drogen als toxische Substanzen angesehen werden, unterliegen sie folglich der Überwachung und Untersuchung durch Einrichtungen, die sich mit Toxikologie befassen, zu denen auch u.a. die Zentren für Arzneimittelüberwachung hinzuzuzählen sind. Diese Situation führt zwangsläufig dazu, daß redundante Untersuchungen durchgeführt werden, ein gemeinsames Vorgehen fehlt, Informationseinbußen auftreten und Schwierigkeiten entstehen, eine wirkliche staatliche Gesundheitspolitik für die Rauschgiftabhängigen erfolgreich umzusetzen. Zudem besteht eine echte Notwendigkeit und gewisse Dringlichkeit für eine Verbesserung der Arbeitsweise französischer und europäischer Überwachungseinrichtungen für Rauschgiftabhängigkeit.Die Schaffung einer zentralen europäischen Einrichtung sollte den Aufbau nationaler Behörden begünstigen. In Frankreich könnte sich eine solche Stelle beispielsweise an der Agence Nationale de Recherche sur le SIDA (ANRS - nationale Forschungsstelle für AIDS) und der Ligue Nationle contre le Cancer (Nationale Liga zur Krebsbekämpfung) orientieren. Eine Solche Einrichtung sollte über eigene Haushaltsmittel verfügen können.

Die europäische Behörde und die nationalen Behörden sollten eine gewisse Anzahl von wissenschaftlichen Kommissionen mit folgendem Aufgabenspektrum umfassen: